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Dr. Winterhoff: Zum Ablauf und den Behandlungsmethoden in meiner Praxis

Seit Beginn meiner Tätigkeit habe ich mich besonders mit den Kindern befasst, die schon sehr früh in ihrem Leben einen Mangel an einer emotionalen und verlässlichen Versorgung erlitten haben (Bindungsstörungen) sowie mit jenen, die durch frühe Misshandlung traumatisiert wurden.
Beides basiert nicht nur auf meinem persönlichen Interesse und Engagement, sondern auch auf meinem fachlichen und wissenschaftlich fundierten Hintergrund, da ich nicht nur eine Ausbildung zum Kinder- und Jugendpsychiater abgeschlossen habe, sondern auch zum Psychotherapeuten.
Diese Zusatzausbildung absolvierte ich in der tiefenpsychologisch-analytischen Fachrichtung (Viele Fachkollegen - besonders in Deutschland - sind verhaltenstherapeutisch orientiert), wodurch ich eine besondere Sichtweise auf die Problematik des Kindes erlangt habe.

Aus tiefenpsychologischer Sicht betrachte ich die unterschiedlichen Symptome im Gesamtkontext – auch vor dem Hintergrund unbewusster Blockaden der Eltern. Daher ist auf der einen Seite die diagnostische Einschätzung des Kindes wichtig, auf der anderen Seite die Beratung der Eltern.

Die Einschätzung eines jeden Kindes erfolgt dabei nie allein durch mich – es gilt das 6-Augen-Prinzip:
Zwei in meiner Praxis beschäftigten Diplom-Heilpädagoginnen beurteilen die Kinder in jeweils unterschiedlichen Settings zusätzlich.
In einer gemeinsamen Teamsitzung wird dann jedes Kind ausführlich besprochen, die Beobachtungen sowie die Testergebnisse werden zusammengetragen und eine Diagnose im Sinne einer Arbeitshypothese (Behandlungsplan) erstellt. Diese wird, nach der diagnostischen Phase, den Eltern oder Vormündern ausführlich erklärt.
Die Beratung der Eltern oder Erzieher - bezogen auf den Umgang mit der Störung - ist entscheidend für die Behebung der Auffälligkeiten des Kindes.
Selbstverständlich bieten wir in indizierten Fällen, dem Behandlungsplan entsprechend, auch eine Einzeltherapie an.

Sollte sich im Behandlungsverlauf eine Indikation für ein Medikament ergeben, wird der Vorschlag erst nach einer Nutzen-Risiko-Abwägung unterbreitet.
Da ich mich vorwiegend mit höchst instabilen Kindern aus dem Jugendhilfebereich befasse, ist dieser Anteil naturgemäß sehr hoch. Dieses Vorgehen wird auch in der Fachwelt unterstützt, denn bereits seit 2004 wurde durch zahlreiche klinische Studien festgestellt, dass die Psychopharmakologie sich als eine bei Kindern und Jugendlichen sehr erfolgreiche Behandlungsmethode erweist.
Grundsätzlich wird eine medikamentöse Behandlung jedoch nie ausschließlich durchgeführt, sondern nur - wenn zwingend notwendig - als begleitender Zusatz. Die Auffälligkeiten der Kinder sind nicht durch Medikamente zu beheben, wohl aber durch die Beratung der Eltern oder Erzieher.

Die Indikation zur Empfehlung eines Medikamentes ergibt sich nicht aus der Diagnose, sondern nur aus dem klinischen Verlauf. Es gibt für mich unterschiedliche Indikationen, aus welchen dann der Einsatz unterschiedlicher Medikamente erfolgt.

Das oft diskutierte Medikament Pipamperon wird meinerseits nicht eingesetzt, um das Kind zu sedieren oder zu beruhigen. Es unterstützt das Kind in der besseren Erreichbarkeit in Konfliktsituationen und in der Kontrolle der zum Teil erheblichen diffusen und raptusartigen Aggressionen. Dies kommt in der aktuellen Diskussion leider komplett zu kurz oder wird bewusst verzerrt dargestellt. Im Hinblick auf die betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie deren Familien ist dies sehr bedauerlich und wird ihnen in keinerlei Weise gerecht.



Fachliche Stellungnahme von Dr. Winterhoff

Zur am 9.8.2021 in der ARD ausgestrahlten Sendung “Warum Kinder Keine Tyrannen sind“ möchte ich fachlich wie folgt Stellung nehmen:

„Meine umfassende fachliche Stellungnahme sowie ein aktuelles Gutachten zu den wenigen im Beitrag vorgestellten Fällen sind - aus vordergründig dramaturgischen Gründen – leider nur unzureichend in die Berichterstattung eingeflossen. Richtig ist: Der durch den WDR erweckte Eindruck, ich hätte das Medikament bei meinen Patienten flächendeckend eingesetzt ist falsch. Das Medikament wurde nur in Einzelfällen mit spezieller Indikation verordnet. Mit der abweichenden Meinung einiger Fachkollegen wurde ich vorab nicht konfrontiert. Eine weitere Auswalzung der jeweiligen Krankenakten verbietet sich meiner Ansicht nach dennoch.

Grundsätzlich gilt: Das auch in meiner Praxis eingesetzte Medikament Pipamperon wird seit Jahrzehnten bei Stimmungslabilität und Verwirrtheit eingesetzt, ist nach wie vor für Kinder mit psychomotorischen Erregungszuständen zugelassen und laut unabhängigen Gutachten auch im darüberhinausgehenden Off-Label-Use verwendbar. Das Arzneimittel soll Kinder in die Lage versetzen, ihre Aggressionen kontrollieren zu können und im Konflikt erreichbar zu sein. Dies funktioniert in der Praxis gut und wir konnten so viele unserer jungen Patienten erfolgreich therapieren. Wenn hier im Beitrag ein anderer Eindruck erweckt wurde, hält dies einer fachlichen Beurteilung nicht Stand. Hierzu gibt es neben der einschlägigen Fachlektüre auch eine aktuelle gutachterliche Stellungnahme.

Das Ziel des Einsatzes von Pipamperon ist in unserer Praxis bewusst keine Sedierung. Darüber findet eine umfassende Aufklärung statt. Grundsätzlich verordne ich keine Medikamente ohne Zustimmung der Eltern oder des Vormundes. Wenn ich ein Rezept ausstelle, dann nur nach einer ausführlichen diagnostischen Einschätzung und verbunden mit einer guten Einstellung des Medikaments, die ich den Eltern schriftlich mitteile. Essentiell für den Behandlungserfolg ist immer eine kinderpsychiatrische Kontrolle der Wirkung und etwaiger Nebenwirkungen, die in meiner Praxis in jedem Fall erfolgt. Ich sehe die Patienten regelmäßig und ermögliche auch kurzfristige Termine. Im Laufe der Behandlung überprüfe ich immer wieder, ob das Medikament überhaupt oder in einer niedrigen Dosierung notwendig ist.

Vor einer medikamentösen Behandlung erfolgt immer eine körperliche und neurologische Untersuchung, um diese Faktoren als Ursachen von Verhaltensstörungen auszuschließen. So konnte ich in der Vergangenheit bereits viele Fehlstellungen, Herzfehler sowie Lebervergrößerungen und Hirntumore diagnostizieren. Seit mindestens fünf Jahren habe ich diese Untersuchungen komplett an den behandelnden Kinderarzt delegiert.

Ich werde seit sehr vielen Jahren auch international für Expertenrunden, Talkshows und Printmedien als Fachmann angefragt. Dazu finden Sie mehr auch auf meiner Webseite.

Für Rückfragen zu diesem Thema stehe ich unter kontakt@michael-winterhoff.com jederzeit gern zur Verfügung.“